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"Klangwerktage" in Hamburg Beförderung der Hamburger Hörlust Frankfurter Rundschau, 25. November 2009 von Louise Erdmann Neue Musik, schwere Musik? Schwer getan mit der Neuen Musik hat Hamburg sich in der Vergangenheit auf jeden Fall. Abgesehen von der Reihe "das neue werk" im NDR war das Nordlicht der Republik in Sachen Neue Musik lange Zeit auch zumindest ihr gefühltes Schlusslicht. Das hat sich sacht verändert, seit Einzelkämpfer, Ensembles und Initiativen sich vor ein paar Jahren im Netzwerk für Neue Musik zusammengefunden haben. Zurzeit verfügen sie über Geld von der Bundeskulturstiftung, die die Neue Musik zu einem ihrer Förderschwerpunkte zwischen 2008 und 2011 erklärt hat. Schade nur, dass die Hamburger für ihre eher das subtile Hören fordernden und fördernden Aktivitäten den groben Wortkeil KLANG! geschmiedet haben. Klar, sie wollen endlich unbedingt Gehör finden. Aber Ausrufezeichen sind schlechtes Marketing, und Versalien auch. Und das Publikum an der Elbe ist ja schon etwas risikofreudiger geworden. Seit Ingo Metzmacher jede seiner Spielzeiten an der Staatsoper mit einem Stück des 20. Jahrhunderts zu eröffnen pflegte und in seinen legendären Silvesterkonzerten immer wieder neue, höchst unterhaltsame Antworten auf die zum geflügelten Wort avancierte Frage "Who Is Afraid of 20th Century Music?" gab, ist in der Hansestadt fast so etwas wie die Sehnsucht nach dem neuen Klang ausgebrochen. Die "hamburger klangwerktage", die am vergangenen Sonntag eröffnet wurden und noch bis Freitag auf Kampnagel stattfinden, stillen diese Sehnsucht auf die bestmögliche Weise: Sie wecken die Lust auf mehr. Dabei ereilte Christiane Leiste, die in diesem Jahr die Leitung der Klangwerktage übernahm, kurz vor Beginn ihres Debüts der Super-Gau jedes Festivalmachers: die Absage des Zugpferds. Der 83-jährige György Kurtág, verehrt für die aphoristische Kürze, Reinheit und Tiefe seiner Kompositionen, sollte das Seelenzentrum der Klangwerktage werden, blieb aber mit einer schweren Grippe in Budapest. Nach dem ersten Schock gewann der Gedanke an Kraft, dass im Fluch dieser Absage auch ein Segen liegen könnte: Zwangsläufig abgelöst von der in diesem Feld freilich ohnehin nicht allzu unersättlichen Prominenten-Neugier, musste das Festival nun erstmal allein auf die Hörlust des Publikums vertrauen - und auf die Qualität der von Kurtág als Ersatz geschickten Interpreten. Für Schaulustige gibt es auf den Klangwerktagen trotzdem viel zu entdecken. Studenten der HafenCity-Universität bauten eine raumfüllende, aufregend verschlungene Installation aus biegsamen Installationsrohren in eine der großen Kampnagel-Hallen. Als geheimnisvoll beleuchteter Irrgarten der Kunst bietet sie dem schwindelfreien Auge Halt beim Hören der intensiven Streichermusik von Sascha Lino Lemkes "Troposphères". Zeitgenössische Musik ist heute zwangsläufig Musik des 21. Jahrhunderts. Entsprechend tief ist die Verbeugung der Klangwerktage vor dem Computer in all seinen musikalischen Generierungs-Eigenschaften und vor dem Internet. Das aus sieben Musikern bestehende European Bridges Ensemble konzertiert gern virtuell, bot in Hamburg aber live interaktiv komponierte Musik an den Rechnern. Den Abschluss bildet morgen eine Aufführung der Kompositionen "Void I" und "Void II" des Münchners Nikolaus Braas, musikalische Reflexionen auf die Void genannten Leeräume des Jüdischen Museums in Berlin. Dessen charismatischer und hoch musi-kalischer Architekt Daniel Libeskind unterhält sich vor der Aufführung in einem Podiumsgespräch mit dem Komponisten über Musik und Architektur. Libeskind ist der prominenteste jener vom Festival Reisebegleiter genannten Menschen, die das Spezialistentum, hinter dem die Neue Musik meist unglücklich verschanzt bleibt, aufbrechen sollen: Theaterleute, Publizisten und ein paar eben doch sehr musikkundige Leute erzählen dem Publikum, warum sie nirgendwo hin lieber reisen als in die Klangwelten der neuen und der neuesten Musik. |
Programm 2009
22.11.2009 18:30Eröffnungskonzert I
Troposphères (UA)Raumklang-Komposition von Sascha Lemke zur Installation der Architekturklasse Prof. Lothar Eckhardt (HCU) / Ensemble Resonanzmehr...22.11.2009 20:00Eröffnungskonzert II
György KurtágHiPartita, Játékok /
Hiromi Kikuchi Violine, Gábor Csalog und András Kemenes Klavier /
Einführung Elmar Lampson
mehr...23.11.2009 18:00
AN INVISIBLE LINE (UA)Video- Raumklang-Installation / Andrea Cera, IRCAM Paris / Corrado Canepa
mehr...23.11.2009 19:00
Quintet Cuesta (Valencia)Quintett aus
Valencia
mit Werken von Hans Werner Henze, Luis de Pablo, David del Puerto und György Ligeti/
Einführung Andrew Levine, Tonmeister
mehr...23.11.2009 21:00
Palimpsest /
European Bridges EnsembleStücke für Netzwerk-Ensemble /
Einführung Thomas Sello, Kunsthistoriker (Hamburger Kunsthalle)
mehr...24.11.2009 18:00Klangradar 3000 / Klangwellen Komponieren und
Neue Musik mit SchülerInnen allgemeinbildender Schulen Hamburgs
mehr...24.11.2009 19:00
PULSATIONS /
ENSEMBLE WIRE WORKS
Elektroakustische
Musik / Einführung Ali Samadi Ahadi, Drehbuchautor und Regisseur
mehr...24.11.2009 21:30
WITTGENSTEIN SINGS,
CALLOWAY SIGHS / DAVID MOSS
Extremsänger und Perkussionist und Provokalia Choirs /
Einführung Christiane Pohle, Regisseurin (Thalia Theater)
mehr...25.11.2009 18:00MnemosyneEinführung in die Ausstellung Mnemosyne - Archäologie der Spuren - mit Prof. Lothar Eckhardt, HCUmehr...25.11.2009 19:00Lesung Reiner KunzeModeration Ulrich Schacht, Schriftstellermehr...25.11.2009 20:30
der blaue vogel
H. Johannes Wallmann: Der Blaue Vogel / Musik im Raum
für Bariton und Kammerensemble zu Gedichten,Texten und
Nachdichtungen von Reiner Kunze
Gesamturaufführung
(mit der Auftragskomposition „ERHOB SICH EIN VOGEL INS BLAU“)
mehr...25.11.2009 22:00
MEIN BROT SCHMECKT MIR ANDERS
Multimedia-Performance mit Schauspiel, Musik, Tanz und Video von Sergio Vasquez
mit Gabriel Rodríguez Silvero
Schauspiel, Aurélie Bauer
Tanz, Tanja Noters Klavier, Stefan Weinzierl
Schlagzeug, Daria Iossifova Klavier, Lin Chen
Schlagzeug, Jorge Medina Victoria Ton
mehr...26.11.2009 18:00
JUNGE MUSIK AUS HAMBURG
Neuer Veranstaltungsort: Theater im Zimmer / Neue Werke junger Komponisten
mehr...26.11.2009 20:00
HOMMAGE À GYÖRGY KURTÁG
Laeiszhalle /
mit András Keller Violine, Luigi Gaggero Zymbal,
Maria Husmann Sopran, Nick de Groot Kontrabass /
Einführung Wolf Lepenies, Autor
mehr...27.11.2009 17:00
Präsentation voidEinführungsgespräch und Präsentation des Workshops VOID mit Jugendlichen aus Hamburg und Parismehr...27.11.2009 18:00
Nikolaus Brass und Daniel Libeskindim Gespräch mit Sonia Simmenauermehr...27.11.2009 20:00
Abschlusskonzert
Void - nikolaus brass zum 60. geburtstagNikolaus Brass, Franz Schubert, Wolfgang Rihm /
mit Florian Hoelscher, Boulanger Trio, Hamburger Symphoniker
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